Los 85
Hokusai -Schule
Schätzpreis:
6.000 € - 10.000 €
Ergebnis:
inkl. Aufgeld und Mehrwertsteuer
Beschreibung:
Japan, Signatur: zen Hokusai Iitsu hitsu mit Siegel Katsushika, wohl Meiji - Periode, vor 191579 x 33,5 cm / 168 x 46 cm
Tusche und Farben auf Seide, als Hängerolle montiert. Darstellung des Ryubi auf dem Rücken seines Pferdes sitzend, wie er einen Fluss mit wilden Strömungen zwischen einer Felsschlucht überquert. Signatur: zen Hokusai Iitsu hitsu mit Siegel Katsushika. Die Malerei zeigt den chinesischen Krieger Ryubi (Liu Bei), wie er einem Attentat während eines Festes in Xiangyang entkommt und mit seinem Pferd einen Felsen hinab- sowie einen Bach überquert, während er zurückblickt, um zu prüfen, ob ihn jemand verfolgt. Im Manga von Hokusai ist die Figur als Ryu Gentoku dokumentiert. Das Werk stellt eine nahezu wörtliche Umsetzung des ursprünglichen Manga-Motivs dar. Signatur: zen Hokusai Iitsu hitsu mit Siegel Katsushika. Mit originaler Holzdose signiert Hokusai laut Dr. Jonathan Hutchinson and Matthi Forrer.
Provenienz
Sammlung S.T.P. (Etikett auf der Tomobako, der originalen Holzkiste, Nr 39).
Sammlung Dr. Jonathan Hutchinson (1859 - 1933). Dr. Jonathan Hutchinson F.R.C.S. war ein bedeutender britischer Chirurg und Sammler, der als Ratsmitglied und Vizepräsident der The Japan Society, London eine wichtige Rolle in der Erforschung japanischer Kunst spielte. Ref. Sotheby's & Co., London, Catalogue of the Important Collection of Japanese Colour Prints and Works of Art, The Property of the Late Jonathan Hutchinson, 30. Juni, 1933, Lot 217
Amerikanische Privatsammlung, versteigert bei Doyle New York, 4. April 2006, Los 3108.
Niederländische Privatsammlung.
Ausstellung
London, Oktober-November 1915, Exhibition of Japanese Arts and Crafts for the Benefit of the British Red Cross, publiziert im Ausstellungskatalog, S. 18, Nr. 43, mit dem Verweis, auf Dr. J. Hutchinson
Vergleichsabbildungen
Abb. 1. Katsushika Hokusai (1760-1849), Ryūbi überquert den Tan-Fluss, aus Hokusai Manga, Band 6, 1817. Die Komposition diente als Vorlage für die vorliegende Hängerolle.
Abb. 2. Katsushika Hokusai (1760-1849), Die drei Generäle aus der Geschichte der Drei Reiche, Surimono, 1827. Die Figur des Ryūbi (rechts) bietet einen aufschlussreichen Vergleich hinsichtlich der Wiedergabe des Gesichts und der Physiognomie im vorliegenden Gemälde.
Abb. 3. Hokusai zugeschrieben (1760-1849), Ryūbi überquert den Tan-Fluss, bemalte Holztafel, datiert Bunsei 1 (1818), Kitamuki-Kannon-Halle, Jōrakuji-Tempel. Die Darstellung derselben Episode aus dem Roman der Drei Reiche ermöglicht einen instruktiven Vergleich hinsichtlich der Wiedergabe von Pferd, Reiter und bewegtem Wasser.
Literatur
Forrer, Matthhi: „Both Ryūbi and Hokusai Making a Jump in a Newly Discovered Hokusai Painting“, in: Elegant Gathering in a Scholar's Garden - Studies in East Asian Art in Honour of Jeong-hee Lee-Kalisch, VDG, Weimar 2015, S. 186-190.
In seinem Aufsatz ordnet Professor Matthi Forrer das vorliegende Gemälde in den größeren Zusammenhang von Katsushika Hokusais künstlerischer Entwicklung sowie seiner fortgesetzten Auseinandersetzung mit Motiven aus der Hokusai Manga ein. Dargestellt ist Liu Bei (japanisch: Ryūbi), der berühmte Held des chinesischen Romans Die Geschichte der Drei Reiche. Nachdem er im Zuge eines Mordkomplotts in Gefahr geraten war, erreicht er auf der Flucht die Ufer des Tan-Flusses. Dort gelingt seinem Pferd ein wundersamer Sprung über den Strom, wodurch Ryūbi seinen Verfolgern entkommt. Hokusai hatte diese Episode bereits im sechsten Band der Hokusai Manga von 1817 dargestellt.
Die Hokusai Manga nahm innerhalb von Hokusais Schaffen eine zentrale Stellung ein. Die erstmals 1814 erschienene Publikation ging auf Skizzen zurück, die während seines Aufenthalts in Nagoya im Jahr 1812 entstanden waren, und entwickelte sich zu einem mehrbändigen Kompendium von Figuren, Landschaften, Tieren, historischen Sujets und Szenen des Alltagslebens. Über ihre Funktion als Zeichenlehrbuch hinaus wurde die Manga zu einem Reservoir von Motiven und kompositorischen Ideen, auf die Hokusai im Verlauf seiner gesamten Karriere immer wieder zurückgriff. Zahlreiche Themen, die später in seinen Druckgrafiken und Gemälden ausgearbeitet wurden, erschienen zunächst in skizzenhafter Form in ihren Seiten.
Das vorliegende Gemälde veranschaulicht diesen Prozess besonders deutlich. Obwohl Hokusai der ursprünglichen Illustration aus der Manga eng folgt, wandelte er die horizontale Doppelseite in eine vertikale Hängerolle um. Um das neue Format zu bewältigen, vergrößerte er Pferd und Reiter erheblich, sodass sie mehr als die Hälfte der Bildfläche einnehmen. Wie Forrer hervorhebt, verändert diese Anpassung die visuelle Gewichtung der Szene. Während die gedruckte Vorlage die Breite des Flusses und den waghalsigen Sprung betont, richtet das Gemälde die Aufmerksamkeit stärker auf den steilen Abhang der Landschaft, wodurch das Geschehen weniger als Sprung über das Wasser denn als Sturz in eine Schlucht erscheint.
Das Werk trägt die Signatur zen Hokusai Iitsu hitsu („gemalt von Iitsu, vormals Hokusai“) und lässt sich damit in die Zeit zwischen etwa 1820 und 1834 datieren. Diese Einordnung ist von besonderer Bedeutung, da vergleichsweise wenige Gemälde aus Hokusais Iitsu-Periode erhalten geblieben sind. Diese Jahre waren von intensiver künstlerischer Tätigkeit geprägt, darunter die Schaffung raffinierter Surimono-Blätter sowie später jener Entwürfe, die Hokusai internationale Berühmtheit einbringen sollten, darunter die Serie Sechsunddreißig Ansichten des Fuji. Zugleich war diese Zeit von persönlichen Schicksalsschlägen überschattet, insbesondere durch den Tod seiner Ehefrau im Jahr 1828 und finanzielle Schwierigkeiten, die teilweise auf die Schulden seines Enkels zurückzuführen waren.
Besondere Aufmerksamkeit widmet Forrer der außergewöhnlichen Ausführung des Pferdes. Dessen Fell ist in zahlreichen fein abgestuften Braun-, Rotbraun-, Schwarz- und Grautönen wiedergegeben und vermittelt einen eindrucksvollen Eindruck von Struktur und Körperlichkeit. Die sorgfältige Ausarbeitung der einzelnen Haare lässt auf viele Stunden konzentrierter Arbeit schließen. Nach Forrer übertrifft dieses Maß an Detailgenauigkeit zahlreiche bekannte Werke aus der frühen Iitsu-Periode und entspricht eher Hokusais Malstil der 1840er Jahre, obwohl das vorliegende Werk bereits vor 1834 entstanden ist.
Das Gemälde ist daher auch im Hinblick auf Hokusais spätere Auffassung von Farbe und Maltechnik von besonderem Interesse. Forrer weist darauf hin, dass die differenzierte Modellierung des Pferdes bereits Grundsätze vorwegnimmt, die Hokusai später in seinem 1848 erschienenen Malereihandbuch Illustrierte Abhandlung über den Gebrauch der Farben formulierte. Darin erläutert der Künstler die Verwendung von Pigmenten und Tonabstufungen zur überzeugenden Darstellung von Tieren und natürlichen Formen.
Als malerische Umsetzung einer ursprünglich für die Hokusai Manga geschaffenen Komposition veranschaulicht das vorliegende Werk Hokusais fortgesetzte Praxis, frühere Entwürfe in eigenständige Werke zu überführen. Zugleich bietet es wertvolle Einblicke in sein Schaffen als Maler während der vergleichsweise wenig erforschten Iitsu-Periode und zeigt eine technische Raffinesse, die bereits auf Aspekte seines späteren malerischen Œuvres vorausweist.


