Los 680
Ahnenfigur mit Schädel, misango
Schätzpreis:
4.000 € - 6.000 €
Ergebnis:
inkl. Aufgeld und Mehrwertsteuer
Beschreibung:
Papua New Guinea, Middle Sepik, Iatmul-Kultur, frühes 20. Jh.H. 215 cm
Holzplastik in stehender Haltung, auf beidseitig auslaufender Doppelhaken-Form stehend, männlich (mit Penis), hängende Arme in statischer Haltung. Im Bereich des Nabels mit vierstrahligem Sternmotiv im Flachrelief versehen. Auf dem Hals sitzt ein mit Tonmasse überzogener menschlicher Schädel, mit Ocker und Kalkfarbe gefasst. Der Oberkopf ist mit menschlichem Haar appliziert. Ausgeprägte Schienbeine, Armreifen aus Textilfaser. Der kompositorische Fokus der Figur liegt auf dem Kopf; die Plastik tritt in den Hintergrund. Holz, Knochen, Muscheln, menschliches Haar, Schweinehauer, viba (Ton- und Latex-Masse).
Aus einer bedeutenden süddeutschen Privatsammlung, ab 1975 gesammelt, alte Kopie eines Drouot Estimation Beleges mit Polaroid-Fotos vermutlich aus den 1980er oder 1990er Jahren erhalten
Die Iatmul sind für ihre übermodellierten Ahnenschädel misango bekannt. Diese konnten aus den Schädeln verstorbener Männer, Frauen und Kindern hergestellt werden. Für die Iatmul manifestierte sich in den Schädeln ihrer Ahnen Lebenskraft, die dem Erhalt der eigenen Gemeinschaft diente. Um ihre Wirkungsmacht zu zeigen, wurden sie zu bestimmten Gelegenheiten öffentlich präsentiert. Der Verstorbene wurde zunächst bestattet und der Schädel nach mehreren Monaten oder Jahren wieder aus dem Grab geholt. Waren zu diesem Zeitpunkt noch Weichteile vorhanden, wurden diese nun entfernt, separat bestattet und der Schädel anschließend geräuchert. Der Unterkiefer wurde mit Rattan am Schädel festgebunden. Für die anschließende Übermodellierung wurde eine yiba genannte Paste verwendet, welche sie auch auf verschiedenen Masken der Iatmul findet. Diese besteht aus rotem Ton, dem Latex verschiedener Bäume sowie Togassoöl (ein Exsudat von Campnosperma brevipetiolatum und / oder C. coriacea), anderen Pflanzenmaterialien sowie Kalk. Die Öffnungen des Schädels wurden mit der Masse oder leichtem Holz verschlossen und die Gesichtszüge portraitartig aus der Erinnerung oder nach ähnlich sehenden Verwandten modelliert. Die Augen wurden mit Schneckenschalen ersetzt, zusätzliche Schneckenschalen konnten an der Stirn zum Einsatz kommen. Besonderer Wert wurde auf die Nase gelegt, sie konnte mit einem Stück Rattan oder Holz geformt sein oder aus der Übermodellierungsmasse bestehen. Am Hinterkopf wurden Haare, welche vom Bruder des Verstorbenen, von Gleichaltrigen im Dorf oder vom Toten selbst stammen konnten, in die Masse eingefügt.
Während der anschließenden Nacht im Männerhaus wurde der Schädel nach dem Glauben der Iatmul vom Geist des Toten begutachtet. Die Partien, die dieser als nicht passend ansah, wurden morgens zerstört vorgefunden. War dies der Fall, musste nachgebessert werden, bis der Geist des Toten zufrieden war. Die Bemalung erfolgte nach zweitägiger Trocknung mit schwarzer, weißer, roter und brauner Farbe. Schwarz wurde aus manganhaltiger Erde, Holzkohle, Ruß oder verkohlten Pflanzen hergestellt, weiß aus farbiger Erde sowie gebranntem Muschelkalk, während rot und braun aus farbiger Erde gewonnen wurde. Die Farben der verwendeten Materialien haben symbolische Bedeutungen. Rot und braun wird mit Blut assoziiert, aber auch mit der Hautfarbe des Toten. Weiß steht für Sperma. Nach den Vorstellungen der Iatmul werden Fleisch und Blut eines Kindes aus dem Blut der Mutter geformt, während die Spermien des Vaters die Knochen bilden. In der Übermodellierung werden der väterlichen Knochenstruktur erneut mütterliche Komponenten hinzugegeben. Weiß ist bei den Iatmul zudem mit dem Totenland verbunden, da dunkelhäutige Menschen mit der Totenstarre erbleichen. Weiße Ornamentik wurde für Männer verwendet, schwarze für Frauen. Die Bemalungen konnten denen entsprechen, die der Tote zu Lebzeiten getragen hat.
In den 1930ern wurde die Zweitbestattung und damit auch die Herstellung übermodellierter Schädel von der kolonialen Regierung verboten. Die genauen Rituale und das Wissen um die Materialien für die Herstellung der Schädel ging anschließend durch fortschreitenden Kulturwandel und unter dem Einfluss von Händlern und Missionaren verloren.
Die Angehörigen der Iatmul-Gruppen leben entlang des Mittleren Sepik, der mit 1.100 Kilometern der längste Fluss Papua-Neuguineas ist. Die Bezeichnung „Iatmul“ geht auf den englischen Anthropologen Gregory Bateson zurück und ist ursprünglich keine Selbstbezeichnung, wurde aber übernommen - Stück von musealer Qualität und Bedeutung in gutem Zustand
Für dieses Lot ist eine Ausfuhr/Versand außerhalb der Europäischen Union nicht möglich.


