Los 663
Figurengruppe "bulul", "bulol"
Schätzpreis:
5.000 € - 8.000 €
Ergebnis:
inkl. Aufgeld und Mehrwertsteuer
Beschreibung:
Ifugao; Nord-Philippinen, Luzon, Lagawe bis BanaueH. 29/ 34,5 cm (o.S.)
Holz (narra, Pterocarpus indicus), Haare. Dieses seltene, ästhetisch sehr ansprechende Figurenpaar stellt ein mythisches Kulturbringer-Paar (bulul, bulol) dar, das in hockender Haltung dargestellt wird. Eine Figur ist männlich, die andere weiblich. Sie kauern auf annähernd quadratischen Sockeln mit umlaufender Einkerbung. Die Gesichtszüge sind stilisiert; in den Oberkopf sind Haarbüschel (wohl menschlicher Herkunft) eingelassen. Die Haare beseelen die Figuren. Die Oberfläche ist intendiert geschwärzt; wahrscheinlich vermittels Rauchs (teilweise berieben). Bulul sind in ihrem mythologisch-ikonografischen Kontext paarweise angelegt, sind aber meist nur noch einzeln anzutreffen. Sie stellen stets Gottheiten dar. Die Ifugao verfügen über ein riesiges Pantheon mit ca. 1.500 Gottheiten, die je nach Zuständigkeit in 40 Klassen eingeteilt werden. Von diesen Gottheiten werden nur die Reisgötter (bulul, bulol) als gleichnamige Holzfiguren dargestellt. Diese werden in den Reisspeichern aufgestellt, wo sie den geernteten Reis bewachen und „beseelen“ und auch auf wunderbare Art vermehren sollen. Jedes Mal, wenn das Speicherhaus geöffnet wird, wird den bulol ein symbolisches Opfer dargebracht. Die Anfertigung erfolgte durch Spezialisten. Die Zahl der bulol, die heute noch vorhanden sind, zählt allenfalls nach Hunderten; alte Originale (wie das vorliegende Paar) sind heute besondere Kostbarkeiten.
Aus einer alten deutschen Privatsammlung seit den 1950er Jahren gesammelt - Alters- und Gebrauchsspuren, teils leicht berieben, jeweils montiert auf Holzsockel
Die Ifugao, wie auch die anderen Igorot, gehören zu der proto-malaiischen Kulturebene der Philippinen. Sie leben in den schwer zugänglichen Kordilleren auf Nord-Luzon. Die Selbstbezeichnung „Ifugao“ bedeutet so viel wie „Menschen der Erde“. Die sehr konservative Kultur der Ifugao konnte sich während der (spanischen) Kolonialzeit (frühes 16. Jh. bis Beginn 20. Jh.) ungestört entfalten, da die Ifugao als sehr gefürchtete Krieger und Kopfjäger nie unterworfen werden konnten. Die Ifugao sind hierarchisch organisiert; den Adligen kadangyan folgen stratigrafisch die Freien numatok; Schuldner, Verarmte und Kriegsgefangene als „Unterschicht“ heißen nawatwat. Bulol besitzen lediglich die oberen beiden Klassen.
Es gibt zwei Arten von bulol: der hockende Typ, wie die vorliegen Gruppe, hat über die Knie gelegte verschränkte Arne. Bei dem anderen Typ, der eher im Westen des Ifugao-Gebiets vorkommt, sind die Arme über der Brust gekreuzt. Den hockenden Typ findet man im Gebiet von Lagawe bis Banaue. Ferner gibt es einen stehenden Typ mit nach unten weisenden Armen, z.B. im Gebiet von Hapao. Neben den bulol der Reisspeicher findet man als skulpturale Arbeiten auch Figuren von Hausgöttern (kinab-gagat), die am Hauspfosten angebracht werden, und Wächterfiguren. Ferner sind Schweineskultpturen (binababuy) bekannt, die wohl eine symbolische Opferrolle spielen.
Die Ifugao betreiben traditionell Bodenbau. Angaben über die Anzahl der Ifugao variieren zwischen 80.000 und 190.000. Sie legten auf Luzon in einem Zeitraum von 2000 - 2500 Jahren ein mittlerweile international berühmtes und als UNESCO-Weltkulturerbe ausgewiesenes System von Hangterrassen mit Kanälen zur künstlichen Bewässerung an, das zum Anbau von Nassreis dient. Der Reisanbau wird in jüngerer Zeit durch die Kultivierung von Camote (Süßkartoffeln), Mung-Bohnen und Getreide ergänzt


