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Los 2448

Müller, Johannes von

Schätzpreis:

700 € - 1.000 €

Ergebnis:

1.100 € inkl. Aufgeld und Mehrwertsteuer

Beschreibung:

Schaffhausen 1752 - Kassel 1809
14 x 9,5 cm
Sämmtliche Werke, hrsg. von Johann Georg Müller, 40 Bände (vollständige Gesamtausgabe), Stuttgart und Tübingen 1831-35, Verlag J. G. Cotta'sche Buchhandlung, mit Falttafel in Band 32, Halblederbände. Einbände minimal bestoßen und berieben, teilweise minimal fleckig. Handschriftliche Anmerkung des Vorbesitzers: „Selten“ und „Erste vollständige Gesamtausgabe“.
Vom Vorbesitzer (in den Bänden Sammlerstempel „H W in einem Kreis“) im Münchner Antiquariat Hauser im Jahr 1984 für 1290 DM erworben. Vorbesitz der Königin Olga von Württemberg damals noch unbekannt.
Diese erste vollständige Gesamtausgabe der Werke und Briefe von Johannes von Müller in 40 Bänden hat eine spektakulär außergewöhnliche Provenienz, belegt durch das in jedem Band eingeklebte Exlibris. Es zeigt ein von Olga Nikolajewna Romanowa, Großfürstin von Russland und spätere Königin Olga von Württemberg (1822-1892), benutztes Monogramm, das innerhalb einer Vignette die kyrillischen Buchstaben „O N“ beinhaltet und von der russischen Zarenkrone bekrönt wird. Dieses Monogramm findet sich auch auf anderen Objekten - beispielsweise auf einer 1840 in St. Petersburg hergestellten silbernen Fischplatte aus der Mitgift der Zarentochter oder auf einer Tasse im Württembergischen Landesmuseum in Stuttgart (Inventarnummer 1998-190 ab). Ebenso ungewöhnlich ist das in kyrillisch gedruckte und handschriftlich ergänzte Bibliothekordnungssystem, das sich je oberhalb und unterhalb der Vignette befindet. Daraus lässt sich schließen, dass die Gesamtausgabe bereits vor Olgas Umzug nach Württemberg, also noch in Russland, Teil ihrer Privatbibliothek gewesen sein muss. Dass Bücher aus dem Eigentum der Olga von Württemberg nach ihrem Tod vereinzelt versteigert wurden - vor allem um 1900 und in den 1920/30er Jahren - ist bekannt. Ein Buchkonvolut aus dem Eigentum Olgas noch aus ihrer russischen Zeit ist jedoch absolut außergewöhnlich und wurde laut Expertenmeinung bisher noch nie auf dem Markt angeboten. Die Gesamtausgabe der Werke von Müllers bietet also einen einzigartigen Blick auf die Privatbibliothek einer russischen Zarentochter. Dass es sich dabei um deutschsprachige Literatur handelt, ist durchaus nicht ungewöhnlich, war man am russischen Hofe doch des Deutschen mächtig, auch weil Olgas Mutter Charlotte von Preußen (1798-1860) Deutsche war.
Der Schweizer Historiker, Publizist und Staatsmann Johannes von Müller (1752 Schaffhausen - 1809 Kassel), geadelt 1791 durch Kaiser Leopold II., ist heute nur noch wenigen ein Begriff, war zu Lebzeiten jedoch höchst prominent. Nach einem Studium der Theologie in Göttingen legte er 1772 das Examen in Schaffhausen ab und war hernach viele Jahre Hauslehrer bei verschiedenen international bedeutenden Persönlichkeiten. In dieser Zeit ergaben sich Kontakte mit Voltaire, Johann Heinrich Füssli und anderen. Nach dem Erscheinen des ersten Bandes seiner Geschichte der Schweizer 1780 errang er überregionale Berühmtheit, wurde auf eine Professur in Kassel berufen, war Hofbibliothekar des Mainzer Kurfürsten und wurde ab 1792 Diplomat und ab 1800 Kustos der Hofbibliothek in
Diensten Kaiser Franz II. in Wien. Diese steile Karriere kam 1802 durch die sogenannte Hartenbergaffäre zunächst zu einem Ende. Sein 22jähriger Schaffhauser Zögling Friedrich von Hartenberg nutzte von Müllers Homosexualität aus und erschlich sich per Briefwechsel unter
falschem Namen - er fingierte den ungarischen Grafen Louis Batthyany Szent Ivany - von Müllers gesamtes Vermögen. Nach Aufdeckung des Betrugs verklagte Müller Hartenberg, wobei dieser sich durch die Behauptung verteidigte, er sei von Müller sexuell missbraucht
worden. Hartenberg wurde zu elf Monaten Haft verurteilt, Müller konnte sich durch Eidleistung retten. Sein Ruf und seine Karriere waren jedoch kompromittiert. Trotzdem erhielt er 1804 in Berlin eine Stelle als Hofhistoriograf des Hauses Brandenburg und wurde als Geheimer Rat ordentliches Mitglied der Akademie der Wissenschaften. 1807 wechselte er politisch die Seiten und wurde zunächst Staatsminister, dann Direktor des öffentlichen Unterrichts im Königreich Westphalen unter König Jérôme, dem jüngeren Bruder Napoleon Bonapartes. Er starb 1809 in Kassel.
Von Müller war mit einer Vielzahl der wichtigsten Persönlichkeiten seiner Zeit in Kontakt bzw. befreundet: Johann Georg Jacobi, Friedrich Nicolai, Georg Forster, Johann Wolfgang von Goethe, Erzherzog Johann von Österreich, August Wilhelm Schlegel, Alexander von Humboldt, Johann Gottlieb Fichte u.v.m. Mit Johann Gottfried Herder hatte er eine besondere Verbindung, seitdem er seinen Bruder Johann Georg Müller, der die Sämmtlichen Werke seines Bruders Johannes postum als Gesamtausgabe publizierte, in Weimar besucht hatte, wo dieser bei Herder Privatschüler war. Aufgrund seiner verhältnismäßig offen gelebten und auch in seinen Werken oftmals sehr präsenten Homosexualität, die ihn wegen seiner tiefen Religiosität jedoch auch schwer belastete, war er bis in das 20. Jahrhundert hinein teilweise heftigen Angriffen ausgesetzt.
Ebenso wurde ihm seine plötzliche Parteinahme für Napoleon angekreidet. Nichtsdestotrotz erwähnte ihn positv etwa Friedrich Schiller im Wilhelm Tell, ebenso Goethe.
Sehr herzlicher Dank an insbesondere Ingrid-Sibylle Hoffmann, Katharina Küster und Maaike van Rijn vom Württembergischen Landesmuseum und Christian Herrmann von der Württembergischen Landesbibliothek für die wissenschaftliche Unterstützung.